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Technikeinsatz im Quartier: Das Projekt QuartrBack

Kurzfassung

QuartrBack ist ein Forschungsprojekt, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das in einem Bürger-Profi-Technik-Mix die Bewegung von Menschen mit Demenz bejaht, auch und gerade bei zunehmender Desorientierung. Technologien aus den Bereichen Ortung und Mobiltelefonie werden entwickelt und eingesetzt, um Freiheiten zu schaffen, Gesundheit zu fördern, Betroffene und Angehörige zu entlasten. Im Spannungsfeld von Sicherheitsbedürfnissen und Teilhabeansprüchen werden dabei Fragen aufgeworfen, die eine umfassende ethische, fachliche und rechtliche Diskussion im Projekt erfordern.

 

Bewegung als Wirkfaktor für Gesundheit und Teilhabe

Bewegung zählt zu den wichtigsten Einflussfaktoren für Gesundheit und soziale Teilhabe. So ist es nicht verwunderlich, dass körperliche Aktivität im Allgemeinen gesellschaftlich als positiv und wünschenswert Darstellung findet. Ausgenommen von dieser wohlwollenden Betrachtung ist in der Regel das Bewegungsverhalten von Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz. Mit zunehmendem Stadium der Erkrankung geht auch die Sorge Angehöriger und professionell Pflegender einher, dass Betroffene aufgrund der Symptomatik eine Situation falsch einschätzen und dies zu unerwünschten Konsequenzen führen könnte. Sei es, dass sie sich verirren, in Panik geraten oder sich unterkühlen. Die Sorge des pflegenden Umfeldes drückt deren Fürsorge und Verantwortung aus und ist vor allem dann präsent, wenn Menschen mit Demenz den Herausforderungen des Alltags ohne Begleitung begegnen.

 

Situationskontrolle und Ohnmacht einer modernen Gesellschaft

Es wird deutlich, dass die Ängste und Sorgen vor allem die Kontrolle bzw. den Kontrollverlust in einer bestimmten Situation betreffen. Je komplexer eine Situation ist, desto mehr Aufmerksamkeit und geistige Fitness wird uns abgefordert, wenn wir die Kontrolle über eine Situation behalten möchten. Es liegt nahe, dass die Schnelllebigkeit und Komplexität unserer modernen Gesellschaft hier rasch zu Überforderung führen kann. So ist es nicht verwunderlich und nicht verwerflich, dass professionell Pflegende oder Angehörige sich die Frage stellen, ob sie Menschen mit dementieller Veränderung die eigenständige Kontrolle der Situation zutrauen oder überlassen können.

Demenz als Phänomen unserer Zeit verweist demnach auch auf eine Ohnmacht unserer Gesellschaft. Angesichts der Prognosen zur demografischen Entwicklung sind wir deshalb alle gefordert unser Gemeinwesen so zu gestalten, dass die Diagnose Demenz nicht mit Einbußen von Teilhabeansprüchen Betroffener und ihrer Angehörigen einhergeht.

 

Das Quartier als Bezugsrahmen für den Bürger-Profi-Technik-Mix

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt QuartrBack verbindet ein ehrenamtliches Helfernetz mit Technologien für Ortung, Monitoring, Information und professioneller Dienstleistung.

Das Akronym „QuartrBack“ ist ein Wortspiel aus dem Englischen Begriffen „Quarter“ für Stadtviertel und „Backup“ für  Sicherstellung und Unterstützung. Das Wortspiel symbolisiert gleichermaßen die Zielsetzung des Forschungsprojektes, das Menschen mit Demenz den selbstverständlichen Verbleib, einen risikoreduzierten Zugang sowie eine möglichst uneingeschränkte Mobilität in ihren individuellen Sozialräumen ermöglichen möchte.

Ausgangspunkt von QuartrBack ist die Gestaltung eines demenzfreundlichen Gemeinwesens, das achtsam ist für die Belange von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen. Eine Vielzahl quartiersnaher Wohn-, Betreuungs- und Begegnungsangebote werden dabei gemeinsam von professionellen Diensten und bürgerschaftlichen Initiativen erbracht. Dies stärkt soziale Teilhabe, verbessert die Lebensqualität von Betroffenen und entlastet pflegende Angehörige. Im Zusammenwirken mit modernen Technologien entsteht so ein Bürger-Profi-Technik-Mix, der den längstmöglichen Verbleib von Betroffenen in ihrer gewohnten Umgebung unter Aufrechterhaltung ihrer sozialen Bezüge zum Ziel hat.

 

Technische Aspekte in QuartrBack

Ein technisches Entwicklungsziel von QuartrBack ist die Programmierung einer Software, die in Echtzeit für jeden Nutzer Risiken in seinen individuellen Sozialraum identifiziert und darauf aufbauend Bereiche definiert, in denen sich Betroffene risikoarm bewegen können. Die Ausdehnung dieses Gebiets ist variabel und wird unter Einbezug verschiedener Parameter ermittelt. Wichtige Einflussfaktoren sind beispielsweise Tageszeit, Witterung oder Informationen aus der Pflegeplanung und –dokumentation. Je geringer das aktuelle Gefährdungspotential, desto weitreichender kann die Ausdehnung des risikoarmen Bereichs im individuellen Sozialraum ausfallen.

Darüber hinaus erfolgt der Einsatz von miniaturisierten Ortungssendern, die für Dritte nicht wahrnehmbar in Alltagsgegenständen wie einer Armbanduhr, der Gürtelschnalle oder Schuhsohle angebracht werden können. Damit soll Stigmatisierungen vorgebeugt und die Akzeptanz bezüglich des Technikeinsatzes erhöht werden. Zeitgleich zu den Betroffenen werden auch Personen aus deren individuellen Helfernetz geortet, das aus Angehörigen, Nachbarn, Freiwilligen und professionellen Diensten aus dem Quartier bestehen kann. Über eine Smartphone-App aktivieren die Helfer „per Knopfdruck“ die Ortung der eigenen Position und signalisieren damit ihre Unterstützungsbereitschaft. Diese App beinhaltet auch eine Navigationssoftware, die im Bedarfsfall den Helfer zum Betroffenen führen kann.

Alle Ortungsdaten von Betroffenen und Helfern laufen im ServiceCenterPflege (SCP) zusammen, das als Leitstelle rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr besetzt ist. Sobald vom System eine Gefahrensituation erkannt wird, löst das Programm einen Alarm aus, und empfiehlt ein passgenaues Handlungsszenario in Form einer intelligenten Notfallkette. Die Reihenfolge der zu benachrichtigen Helfer variiert dabei in Abhängigkeit zum vorhandenen Gefährdungs- und Helferpotential in der jeweiligen Situation. Gestützt wird dieser Prozess durch qualifizierte Mitarbeitende der Notrufzentrale, die als Koordinator zwischen Unterstützungsbedürftigen und Hilfsbereiten fungieren und bis zum Auffinden mit den Helfern in telefonischem Kontakt bleiben.

 

Ethische Reflexion und Nutzerintegration

In QuartrBack werden viele Fragen im Spannungsfeld von Sicherheitsbedürfnissen und Teilhabeansprüchen aufgeworfen, die eine umfassende ethische, fachliche und rechtliche Diskussion erfordern. Unter anderem sind hier die Themen Datenschutz, Autonomie, informationelle Selbstbestimmung, Freiheitsentziehende Maßnahmen und Haftungsrecht zu nennen, die aus Perspektive von Betroffenen, Angehörigen, freiwilligen Helfern und professionellen Diensten diskutiert und berücksichtigt werden müssen.

Nach dem Prinzip der Nutzerintegration werden zur Klärung dieser Fragen verschiedene Workshops mit Bürgerinnen und Bürgern, Pflegefachkräften sowie mit Akteuren aus lokalen Netzwerken durchgeführt. Zudem werden ethische, soziale, juristische und ökonomische Fragestellungen durch das Institut für Technikfolgenabschätzung (ITAS) mithilfe eines interdisziplinären Expertenbeirats diskutiert, an dem auch Experten in eigener Sache beteiligt sind. Zu Fragen des Datenschutzes und zum Umgang mit rechtlichen Fragen wird ein juristisches Gutachten erstellt. Darüber hinaus werden sowohl die Prototypenphase als auch der geplante ausgedehnte Feldtest wissenschaftlich begleitet.

 

Ausblick

Im System QuartrBack werden technische Innovationen mit Ansätzen der Quartiersentwicklung in Einklang gebracht. In einem Bürger-Profi-Technik-Mix werden quartiersnahe Ermöglichungsstrukturen entwickelt und gestaltet, welche die Teilhabe von Menschen Demenz und ihrer Angehörigen begünstigen. Der im Projekt gewählte Forschungs- und Entwicklungsansatz folgt dabei der Strategie der Nutzerintegration und wird durch interne- und externe Experten im Projektverlauf kritisch begleitet.

Dabei sind die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz, die Stärkung und der Erhalt ihrer individuellen Kompetenzen und Ressourcen sowie die Entlastung von pflegenden Angehörigen maßgebend für alle Projektaktivitäten.